Herr Roeding, im vergangenen Jahr haben Sie Shopkick für 250 Millionen Dollar an das südkoreanische Unternehmen SK Planet verkauft. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie den Vertrag unterschrieben?
Das war ein sehr zweischneidiger Moment für mich. Einerseits war mir klar, dass ich mit meiner Unterschrift ein wichtiges Kapitel abschließe. Ich verspürte dabei durchaus Herzschmerz, denn mit dem Verkauf endete die Start-up-Phase meines Unternehmens. Andererseits konnte ich ein neues Kapitel aufschlagen, nämlich die Phase des Extremwachstums meines Unternehmens in einer globalisierten Welt. Das ist für mich ein aufregendes Erlebnis.
Gab es Situationen, in denen Sie Ihre Entscheidung bereut haben?
Obwohl ich den Moment der Unterzeichnung als ambivalent empfunden habe, würde ich den Schritt jederzeit wieder tun. Das liegt vor allem an unserem Partner, dem größten Innovationstreiber Südkoreas im Mobilfunkbereich: SK Planet hält mit 38 Millionen Nutzern in einem Land mit 50 Millionen Einwohnern 80 Prozent Marktanteil im Mobile-Commerce-Business. Weil der Heimatmarkt für SK Planet wenig Wachstumschancen bietet, plante das 3 500 Mitarbeiter starke Unternehmen in den amerikanischen Markt einzutreten, und hat deshalb Shopkick gekauft. Unsere 150 Mitarbeiter sind jetzt der amerikanische Außenposten von SK Planet, und Shopkick ist seine Globalisierungsplattform für andere Länder wie Deutschland. Ich halte aber nach wie vor Anteile, bin also weiterhin Mitbesitzer.
Der Launch von Shopkick in Deutschland führt Sie wieder häufiger in Ihr Geburtsland. Wie hat sich Deutschland verändert, seit Sie 2008 ins Silicon Valley aufbrachen?
Die beiden wesentlichen Gründe, warum ich damals in die USA gegangen bin, waren das rasante Innovationstempo im Silicon Valley und der hohe Grad der Professionalisierung der dortigen Start-ups. Zugleich habe ich ein wenig Reißaus vor Deutschland genommen, weil es mir zunehmend schwerfiel, in jedem Meeting die ewige Suche nach der Problemstelle zu ertragen. Anstatt die Chancen zu sehen, drehten sich die Diskussionen ständig darum, warum etwas vermeintlich nicht funktionieren kann. Nachdem ich Deutschland zehn Jahre lang ausschließlich privat besucht hatte, kam ich 2014 zurück, um Shopkick auf den Markt zu bringen. In Sachen Business gab es also sozusagen einen zehn Jahre umfassenden kompletten Filmriss. Plötzlich standen dann zehn Meetings in einer Woche an. Ich war neugierig.
Zu Recht?
Nun, gleich das erste Meeting verlief genauso, wie ich es in Erinnerung hatte: Bedenkenträger ventilierten Bedenken. Dann aber verliefen die anderen neun Meetings zu meiner Überraschung ganz anders: Die Leute waren völlig offen für neue Ideen und richtig begeisterungsfähig – obwohl längst nicht bewiesen war, dass mein Ansatz in Deutschland funktionieren würde. Als mich meine Schwester am Ende der Woche vom Zug abholte, fragte sie mich, warum ich so ein breites Lächeln im Gesicht habe. Und ich sagte: „Ich glaube, ich habe mich gerade wieder in mein Heimatland verliebt.“ Es hat sich wirklich viel getan: Eine neue Generation sitzt am Ruder; Menschen, die anders aufgewachsen sind, die internationaler sind, die ein Leben ohne das Internet nur noch aus der Kindheit kennen. Überall ist eine Aufbruchstimmung spürbar.
Zur Person
Cyriac Roeding ist Mitbegründer und CEO von Shopkick. 1973 in Konstanz am Bodensee geboren, absolvierte Roeding sein Wirtschaftsstudium in Karlsruhe und Tokio, um danach mit der Mobile-Marketing-Agentur 12snap erste Gründererfahrungen zu sammeln. In den USA baute Roeding unter anderem den Mobilbereich für den größten amerikanischen Fernsehsender CBS auf. Anschließend war er „Entrepreneur in Residence“ beim renommierten Wagniskapitalgeber Kleiner Perkins. Seit 2008 lebt Roeding im Silicon Valley an der Westküste Amerikas.
Seit Ihrem Ausscheiden bei McKinsey vor rund 15 Jahren ist Shopkick bereits Ihre dritte Unternehmensgründung. Was treibt Sie an?
Zum einen baue ich leidenschaftlich gern starke Teams auf. Oft sind das Leute mit wenig Erfahrung, deren Potenzial ich suche und fördere. Es macht mir Freude, Menschen, die viel mehr vermögen, als sie glauben, zu helfen, das zu erleben. Zudem bin ich verliebt in die mobile Digitalwelt. Insbesondere interessiert mich die Schnittstelle zwischen der physischen und der digitalen Welt. Spannend ist für mich alles, wo Bits auf Atome treffen. Mich fasziniert die Vorstellung, eine digitale Ebene auf die physische Welt zu legen und dort plötzlich Dinge möglich zu machen, die vorher unmöglich waren.
Schon jetzt beschäftigen sich viele Menschen mehr mit ihren Endgeräten als mit der realen Umwelt. Haben Sie keine Sorge, dass in einer zunehmend digitalisierten Welt die Maschinen den Alltag mehr und mehr beherrschen und der Mensch sich in die Schnittstellen fügen muss?
Ich sehe die Gefahren. Für mich sind aber die gegenwärtigen Technologien lediglich Übergangstechnologien auf dem Weg zu dem, was wir wirklich brauchen. Noch vor 15 Jahren klebten wir daheim vor unseren PCs und tummelten uns unter Pseudonymen in Chatrooms. Heutzutage benutzen wir Facebook oder WhatsApp, verwenden dort echte Namen, während wir uns in unserer physischen Umwelt bewegen. Am Ende wird sich eine noch viel menschlichere und natürlichere Benutzeroberfläche durchsetzen. Eine, in der Sprache, Gestik und Mimik von Technologien verarbeitet werden, die dank ihrer perfekten Einbettung in die physische Welt von dieser nicht mehr zu unterscheiden sein werden. In 15 Jahren werden wir uns keine Brillen mehr vor das Gesicht schnallen, sondern die Technologie wird am Körper oder vielleicht sogar im Körper sein. Der Gedanke löst womöglich Befremden aus, aber vor 30 Jahren konnte sich auch niemand vorstellen, dass wir irgendwann mit Telefonen durch die Gegend laufen, auf die wir alle drei Minuten starren.
Wie die Nutzer Ihrer App. Die bekommen, wenn sie einen mit Ihnen kooperierenden Laden besuchen, im Gegenzug ein paar Cent. Böse gefragt: Könnten sie nicht genauso gut Leergut sammeln?
Die Leute nutzen Shopkick, weil die App die physische Welt angenehmer, unterhaltsamer und personalisierter macht. Es geht nicht primär um monetäre Vorteile, sondern darum, die physische Welt anders zu erleben. Unsere Vision ist es, den besten Shoppingbegleiter der Welt zu bauen: einen Freund und Helfer in der Tasche, der einem hilft, Geld zu sparen, der favorisierte Produkte findet und auf Neues sowie auf Sonderangebote hinweist, die zum Kunden passen, und der einen belohnt für alle Einkäufe und Aktivitäten. Und die gesamte Community arbeitet daran mit, das Angebot permanent zu verbessern. Ich sehe Shopkick als eine digitale Benutzeroberfläche für die reale Einkaufswelt, die den Offline-Einkauf in ein personalisiertes interaktives Erlebnis verwandelt.
1. Facts & Figures
• Seit Gründung im Jahr 2009 hat Shopkick nach eigenen Angaben seine Nutzer mit 15 Milliarden „Kicks“ oder 60 Milliarden Dollar für ihre Ladenbesuche und Einkäufe belohnt.
• Innerhalb des Jahres 2015 soll sich die Zahl der Nutzer auf weltweit 15 Millionen verdoppelt haben.
• Die 13 Millionen amerikanischen Shopkick-User nutzen ihre App im Durchschnitt länger als zwei Stunden pro Monat, also viermal länger als die Apps von Amazon oder Ebay und achtmal länger als die Apps von Walmart oder Macy’s.
• Einer nach Unternehmensangaben unabhängigen Studie zufolge wären 52 Prozent aller Umsätze, die über Shopkick generiert werden, ohne die App nicht erzielt worden.
Werden Apps wie Shopkick tatsächlich den stationären Handel retten?
In fünf Jahren wird kaum noch jemand in einen Laden gehen, weil er etwas braucht oder haben möchte, sondern die meisten Menschen werden dorthin gehen, weil sie sich besser fühlen wollen. Einkaufen wird mehr und mehr zum „Miniurlaub“. Die Läden müssen sich komplett verändern. Jene, die es nicht tun, werden schließen; jene, die es tun, werden viel besser dastehen als zuvor. Wir werden in naher Zukunft neue Läden sehen, die raketenhaft aufsteigen, weil sie diesen neuen Erwartungen entsprechen. Wir werden in den kommenden fünf Jahren größere Umbrüche im Handel erleben als in den vergangenen 50 Jahren. Die USA sind uns zwei, drei Jahre voraus. Dort sind große Ketten wie Borders, Circuit City und RadioShack mittlerweile am Ende. Walmart investiert gerade viele Milliarden, um seine Läden interaktiv und zukunftsträchtig zu machen.
Rechnen Sie damit, dass sich der Erfolg, den Sie in den USA haben, hier wiederholen lässt? Die Deutschen gelten als Datenphobiker. Zudem ist Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eher rückständig: Techniken wie Beacons oder NFC befinden hierzulande noch im Experimentierstadium …
Die Privatsphäre ist den Deutschen sehr wichtig. Das heißt aber nicht, dass sie nicht bereit sind, ihre Daten einzusetzen, solange sie etwas Bereicherndes dafür bekommen und sie darauf vertrauen können, dass mit ihren Daten sorgfältig umgegangen wird. Die ganze Diskussion ist aus meiner Sicht falsch aufgezogen: Es geht darum, die Daten ordentlich zu nutzen und nicht so zu tun, als seien sie eine Ware, die man vertreiben kann. Technophobie sehe ich ebenfalls nicht: Die Deutschen lieben Technik und sind in vielen Bereichen Marktführer, auch wenn die Adaption meist etwas länger dauert als in Ländern wie den USA, Südkorea oder Japan. Die Ausnahme ist die Kreditkarte: Wie sehr die Deutschen am Bargeld hängen, das ist weltweit einzigartig.
Bringt Shopkick den stationären Handel beim Thema Big Data auf Augenhöhe mit Online-Anbietern wie Zalando oder Amazon?
Auf jeden Fall – und sogar mehr als das. Wir sind in der Lage, Konsumenten das zu zeigen, was sie wirklich interessiert. Das bauen wir zwar gerade erst auf, aber die Idee ist, dass man sich auf dem Handy nicht Hunderte Paare von Schuhen anschauen muss, sondern lediglich drei oder vier Paar, wobei das richtige Modell dabei sein sollte. Das muss man in der physischen Welt hinbekommen, wo das Handy viel wichtiger ist als im Online-E-Commerce. Beim stationären Handel steht zwar alles real im Laden, doch das Angebot ist für jeden Kunden gleich. Deshalb braucht man eine digitale Benutzeroberfläche, die das personalisiert. Das vermag Shopkick, und zwar ohne dass der Kunde für jeden Laden eine eigene App benötigt.
Sie kennen mittlerweile beide Länder ganz gut: Was können deutsche von amerikanischen Händlern lernen und umgekehrt?
Die Amerikaner können von den Deutschen lernen, wie man kosteneffizient arbeitet. Das Aldi-Prinzip ist auch in den USA durchschlagend. Fast keiner kann mit Aldi und Lidl mithalten, wenn es darum geht, effiziente Kostenstrukturen aufzubauen und zu halten. Da kann sogar Walmart, der größte Händler der Welt, noch etwas lernen. Umgekehrt können die deutschen Händler von den Amerikanern lernen, wie kräftig man in Digitalisierung investieren muss, um mithalten zu können mit Amazon und den Bedürfnissen der Konsumenten. Darum gilt, so früh und so viel wie möglich in die Zukunftstechnologie zu investieren. Der Wandel ist nicht aufhaltbar. Je früher man dabei ist, desto eher kann man eine Marktführerrolle einnehmen und ausbauen.
2. Facts & Figures
• Shopkick gibt an, für seine Partner zwischen 2010 und 2014 mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz generiert zu haben. Im Jahr 2015 sollen es zwischen 800 Millionen und 1 Milliarde Dollar zusätzlich werden.
• Im Oktober vergangenen Jahres ist Shopkick in Deutschland zusammen mit dem strategischen Partner ProSiebenSat.1 gestartet. Nutzer können die App in allen Filialen von Media Markt, Saturn, Douglas, Obi, Penny, Karstadt, Reno, Poco und Gravis nutzen.
• Zu den mehr als 300 Markenpartnern zählen unter anderem Procter & Gamble, Kraft, Unilever und Pepsi; strategischer Medienpartner ist ProSiebenSat1.
Für kleine mittelständische Händler sehen Sie keine Hoffnung?
Für manche wird es mit Sicherheit schwierig, doch sie sind nicht zwangsläufig die Verlierer dieser Entwicklung. Chancen haben kleine Läden, die Luxuswaren oder individuelle Dinge verkaufen, die woanders nicht so leicht zu bekommen sind. Das Einkaufserlebnis muss anders und im Zweifelsfall besser sein als bei großen Filialisten. Zudem kann es helfen, sich an ein Netzwerk anzubinden, um von den Stärken eines Verbundes zu profitieren. Wenn Shopkick groß genug ist, werden wir auch mit kleinen Händlern arbeiten. Gerade sie sollten Kooperationen suchen, anstatt zu versuchen, zu viel selbst zu machen.
Wann hören Sie auf zu arbeiten?
Ich glaube, das dauert noch eine ganze Weile. Ich habe einiges vor und möchte keinesfalls die nächsten 30 Jahre aus dem Fenster schauen. Ich würde zwar gern mal wieder verreisen und mehr Zeit mit meinen beiden kleinen Söhnen und meiner Frau verbringen. Trotzdem möchte ich auch weiterhin neue Dinge aufbauen. Momentan bin ich aber auf Shopkick und auf neue Angel-Investments konzentriert – alles andere kommt später.
Im Video: Cyriac Roeding im Interview auf dem Deutschen Handelskongress 2015, wo er eine Präsentation über „The Future of Shopping“ hielt.
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