Frau Ministerin, wie bemessen Sie den Stellenwert des deutschen Einzelhandels für den Wirtschaftsstandort Deutschland?
Drei Millionen Beschäftigte und ein Anteil von 3,7 Prozent am Bruttoinlandsprodukt zeigen, wie wichtig der Einzelhandel für die deutsche Volkswirtschaft ist. Aber nicht nur das: Unsere Innenstädte wären ohne die von uns allen geschätzte Vielfalt und Vielzahl an Geschäften gar nicht vorstellbar. Trotzdem beobachten wir gerade im Einzelhandel einen tief greifenden Strukturwandel. Deshalb haben wir vor zwei Jahren die sogenannte Dialogplattform Einzelhandel ins Leben gerufen.
Welche zentralen Erkenntnisse ziehen Sie aus der Arbeit dieser Plattform?
Wir müssen Strategien entwickeln, wie sich die Digitalisierung nutzen lässt, um den Strukturwandel zu bewältigen. Gefordert sind hier alle Akteure: Einzelhändler, Verbände, Kammern, Immobilieneigentümer, Bund, Länder und Gemeinden. Nichts zu tun, führt ins Abseits. Manche Händler haben sich noch viel zu wenig mit dem Thema beschäftigt. Nicht jeder muss zwar gleich einen eigenen Onlineshop aufbauen, aber alle sollten zumindest im Internet zu finden sein. Auch Kommunen sollten die Möglichkeiten der Digitalisierung stärker nutzen. Durch Digitalisierung können Städte ihre Attraktivität und Besucherfrequenz erhöhen. Städte sollten auch einen „digitalen Kümmerer“ haben. Eine wichtige und für mich sehr positive Erkenntnis der Dialogplattform ist: Bei allen angesprochenen Gruppen besteht eine große Bereitschaft zum Dialog. Nur so konnten überhaupt so viele Lösungsansätze erarbeitet werden.
Die Digitalisierung eröffnet nicht nur neue Verkaufskanäle, sondern führt auch zu einem weitgreifenden Strukturwandel. Welche Chancen und Risiken sehen Sie?
Jeder Händler kann über den Onlinehandel mehr Kunden erreichen und mehr Umsatz generieren. Ein stationäres Geschäft mit einem geografisch begrenzten Einzugsbereich hat Grenzen. Digitalisierung hat für den Einzelhandel großes Potenzial, etwa bei der Kundenbetreuung, bei der Preisauszeichnung von Waren und beim Bezahlvorgang. Auch die Unterstützung besonderer Services wie Click & Collect lässt sich nur durch Digitalisierung realisieren. Natürlich müssen Händler hierfür investieren. Der Bund hat jedoch eine Reihe von Förderprogrammen, die auch dem Handel zur Verfügung stehen. Informationen darüber gibt es zum Beispiel über die Förderdatenbank des BMWi im Internet. Für Städte und ländliche Gemeinden macht es die Digitalisierung sehr viel leichter, Netzwerke zu bilden und so Synergieeffekte zu erschließen. Chancen bieten unter anderem auch das digitale Leerstandsmanagement oder die digitale Wegeführung in der Innenstadt.
Brigitte Zypries leitet seit 2017 das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Sie wurde 1953 in Kassel geboren und war von Oktober 2002 bis Oktober 2009 Bundesministerin der Justiz. Von Dezember 2013 bis Ende Januar 2017 war Brigitte Zypries parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie.
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