Die Ware leben: Kuscheldecke gegen das Vergessen
Von der Schnapsidee zum Verkaufsschlager: Mit der Wiederbelebung eines fast verschwundenen Wortes beweist Christoph Seipp Gespür für regionale Themen.
Von der Schnapsidee zum Verkaufsschlager: Mit der Wiederbelebung eines fast verschwundenen Wortes beweist Christoph Seipp Gespür für regionale Themen.
Wörter sind wie Moden. Sie tauchen auf, werden populär und verschwinden im Lauf der Zeit wieder aus dem kulturellen Bewusstsein. So auch das Wort Kolter, das seine Wurzeln im Französischen hat, irgendwann vermutlich mit den Hugenotten nach Hessen gelangte und dort lange Zeit als gängiger Begriff für eine kuschelige Steppdecke galt.
Die Zeiten, in denen die Menschen in Gießen, Offenbach und Wetzlar bei Kälte nach einem Kolter verlangten, sind allerdings längst vorüber: „Vielen älteren Leuten ist der Kolter noch ein Begriff, doch die Jüngeren kennen das Wort so gut wie gar nicht mehr“, berichtet Unternehmer Christoph Seipp, der die Kulturvergessenheit seiner Altersgenossen irgendwann nicht länger hinnehmen wollte. Dass der Kolter, oder auch mundartlich „Kolder“, wieder an Bekanntheit in der Region gewinnt, ist vor allem ihm zu verdanken. Als Seipps ehemalige Freundin nicht wusste, was ein Kolter ist, fasste der 32-jährige den Entschluss, den Begriff mittels einer eigenen Deckenkollektion zu reanimieren.
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Mehrsäuliges Vertriebssystem
Am Anfang nicht viel mehr als eine Schnapsidee, kann sein Start-up „MyKolter“ inzwischen ein solides Wachstum verzeichnen. Während die Produktion der ersten 150 Decken im Gründungsjahr 2013 noch weitgehend über Crowdfunding ermöglicht wurde, finanziert Seipp die aktuelle Jahresproduktion von 6 000 Decken inzwischen aus den laufenden Einnahmen. Wachsende Nachfrage und verlässliche Umsätze garantiert nicht zuletzt das mehrsäulige Vertriebssystem aus eigenem Onlineshop, ausgewählten Händlern in der Region sowie touristischen Informationsbüros in 40 hessischen Städten.
Seipp, im Hauptberuf einst Unternehmensberater, sieht sich mit seiner Idee nicht nur als Händler, sondern auch als Heimatpfleger: Der gebürtige Gießener will nicht nur regionalsprachliche Wörter erhalten, sondern seine Landsleute auch an ihre Herkunft erinnern. Die zu Preisen zwischen 50 und 170 Euro angebotenen Decken sind deshalb mit typischen Motiven der Region bedruckt: Neben Bildern hessischer Städte gibt es den „Goethe und Lotte Kolter“, den „Bembel Kolter“ oder den „Hessen Löwe Kolter“, die den Kunden neben Wärme auch heimatliche Gefühle bescheren sollen. Darüber hinaus lässt Seipp Geschirrtücher, Ponchos, Kissen und Schals mit Hessenmotiven bedrucken, die von einer – wie könnte es anders sein – hessischen Designerin entworfen werden.
Trotz aller Heimatverbundenheit liebäugelt der junge Händler mit der Expansion. Die Nachfrage innerhalb Hessens sei zwar noch längst nicht erschöpft, stationäre Angebote in anderen Teilen des Landes seien jedoch durchaus vorstellbar. Der Unternehmer ist überzeugt: Exilhessen, die sich nach dem Weggang aus der Heimat in einer großen, fremden Stadt zurechtfinden müssen, könnte ein dort zu erwerbender Kolter Wärme und Zuversicht bieten.
Schlagworte: Die Ware leben, Handelshelden, Start-up
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